Home » Kartendeutungen » Die Großen Arkana (Trümpfe) » XXII und Co.: weitere Karten

XXII und Co.: weitere Karten

Die großen Arkana enden nicht zwangsläufig bei XXI – Die Welt. Viele moderne Decks experimentieren mit zusätzlichen Trumpfkarten, um spirituelle Entwicklungswege, kollektive Umbrüche oder neue mythische Motive abzubilden. Dieser Artikel skizziert, wie solche „jenseitigen“ großen Arkana gedacht, gedeutet und in ein bestehendes System integriert werden können.

Beispiele

Die folgenden Beispiele sind aus modernen Decks entnommen. Im Baphomet-Tarot der Unterwelt* (von H.R. Giger) gibt es „The Virus“ oder „The Creator Virus“, dessen Zahl mit einer Lemniskate (also „unendlich“) angegeben wird. Dasselbe Zahlensymbol verwendet „The Fountain“ im The Fountain Tarot*. Beide bezeichnen einen Ursprung hinter dem Ursprung, aber einmal als Quelle, einmal als Infektion. Im Ätherische Visionen Tarot* gibt es ebenfalls einen Brunnen (der 22. Trumpf), zusätzlich aber auch noch einen Künstler (24. Trumpf).
(Links mit Asterisk sind Affiliate-Links.)

Auch im Sefirot – The Spheres of Heaven Tarot* (jedenfalls in manchen Editionen) gibt es zusätzliche Karten, „the Tree“ und „The Abyss“:

Begriff und historische Einordnung

Klassische Tarot-Decks des okkulten 19. und frühen 20. Jahrhunderts arbeiten fast durchweg mit 22 großen Arkana, von 0 – Der Narr bis XXI – Die Welt. Erst im 20. Jahrhundert tauchen vermehrt Decks auf, die zusätzliche Trumpfkarten einführen – etwa alternative Magier-Versionen oder völlig neue Figuren wie „Ascension“ oder „The Magic Flute“.

Diese Erweiterungen brechen bewusst mit der Idee eines abgeschlossenen Kanons. Statt eine „Fehlstelle“ im historischen Tarot zu beheben, markieren sie meist einen Kommentar der Künstlerin oder des Künstlers zur Gegenwart, zu esoterischen Systemen oder zur eigenen Spiritualität.

Struktur und Platz im Deck

Zusätzliche große Arkana lassen sich grob in drei Gruppen einteilen:

  • Alternative Versionen bestehender Trümpfe (z. B. mehrere Magier-Karten in einem Deck).
  • Ganz neue archetypische Stationen, die zwischen bekannte Trümpfe geschoben werden.
  • „Meta-Karten“, die außerhalb der nummerierten Reihe stehen und Übergänge, Schwellen oder Sonderzustände markieren.

Decks mit Extra-Trümpfen erweitern damit die klassische Zahl von 22 großen Arkana und damit die Gesamtzahl der Karten über die üblichen 78 hinaus. Manche arbeiten mit 79, andere mit 80, 82 oder sogar über 100 Karten, wenn eine ganze Reihe zusätzlicher Archetypen eingeführt wird.

Symbolik: jenseits der Welt

Die bekannten 22 großen Arkana erzählen oft als „Heldenreise“ vom Narren bis zur Einheit in der Welt. Zusätzliche Trümpfe knüpfen genau hier an und fragen: Was geschieht nach der Vollendung, nach der Integration, nach der Rückkehr?

Thematisch kreisen viele dieser Karten um:

  • Transzendenz und „Aufstieg“ über das individuelle Selbst hinaus.
  • Kollektive, historische oder kosmische Wendepunkte, die über das persönliche Schicksal hinausgehen.
  • Bewusstseinszustände, die das lineare Erzählschema von 0–21 „sprengen“, etwa zyklische Wiederkehr, Leere oder radikale Offenheit.

So wird das System nicht einfach verlängert, sondern in seiner Grundlogik befragt: Ist Entwicklung linear, oder kehrt sie in veränderter Form wieder?

Deutung im Lesealltag

In der Praxis stellt sich die Frage, wie solche Sonderkarten gelesen werden, ohne das System zu überfrachten oder alle Bezüge der klassischen 22 zu verlieren. Bewährt haben sich drei Strategien:

  • Signalkarte: Zusätzliche große Arkana werden als deutlicher Marker interpretiert, dass ein Thema „überpersönlich“ wird – etwa ein kollektiver Prozess, eine Epochenwende im eigenen Leben oder ein spiritueller Einschnitt.
  • Übergangskarte: Manche Karten fungieren als Schwellen, z. B. „Aufstieg“, „Erwachen“ oder ähnliche Motive, die anzeigen, dass eine Phase endgültig abgeschlossen und nicht mehr umkehrbar ist.
  • Kommentar-Karte: In manch modernem Deck kommentieren Extra-Trümpfe die Grenzen des Systems selbst, etwa durch ironische, popkulturelle oder experimentelle Motive, die die Leser:innen zur Reflexion über ihre eigenen Deutungsmuster anregen.

Wichtig ist, Extra-Arkana explizit im Begleitbuch oder persönlichen Journal zu verorten, damit klar bleibt, wie sie sich zur bestehenden Symbolik verhalten.

Beispiele moderner Erweiterungen

Einige zeitgenössische Decks zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich große Arkana jenseits der 22 umgesetzt werden können:

  • Decks mit mehreren Varianten des Magiers betonen verschiedene Facetten von Handlungsmacht, Kommunikation oder Bewusstseinstechnik.
  • Andere fügen eine einzelne zusätzliche Trumpfkarte ein, die als eigenständiger Archetyp (etwa eine kunst- oder mythologisch inspirierte Figur) gelesen wird.
  • Wieder andere erweitern das System deutlich, fügen eine ganze Serie neuer großer Arkana plus eine abschließende „Aufstiegs“-Karte hinzu und gestalten so eine alternative, verlängerte Helden- und Bewusstseinsreise.

Solche Decks zeigen, dass das Tarot nicht nur ein historisches Kartenspiel, sondern auch ein lebendiges, anpassbares Symbolsystem ist, das mit neuen großen Arkana auf die Fragen und Krisen der jeweiligen Gegenwart reagieren kann.