Wegweisende Tarot-Decks: Eine Liste

Seit dem 15./16. Jahrhundert sind tausende verschiedene Tarot-Decks entstanden — von Marketing-Gags über Themendecks für Pen-and-Paper-Rollenspielsysteme (DSA, DnD, Mage) bis hin zu religiösen und spirituellen Kartensätzen. Die meisten Decks folgen dabei dem klassischen Aufbau aus 22 Großen Arkana und 4 Sätzen zu je 10 Zahl- und 4 Hofkarten; alles andere nennt man heutzutage meist „Oracle Deck“ oder ordnet es einer Tradition wie dem Lenormand zu.

Die Entwicklung der Decks folgt dabei ganz grob der Bewegung:

Spielkarten → Spielkarten mit standardisierter Ikonographie → okkultes Divinationssystem → Wahrsagekarten mit erzählerischer Bildsprache → esoterisches Gesamtsystem → individuelles Kunst-/Lifestylemedium

Insbesondere seit der Mitte des 20. Jahrhunderts entstehen aber vor allem sehr, sehr viele Decks, sodass es immer schwerer wird, die relevanten Milestones zu identifizieren. Dennoch listet die folgende Tabelle einige der wegweisenden Decks auf.

Timeline: Wegweisende Tarot-Decks

ZeitDeckWarum wegweisend
ca. 1440–1450Visconti-Sforza TarotÄlteste weitgehend erhaltene Tarotkarten. Zeigt Tarot noch als höfisches Kartenspiel; viele spätere Trumpfmotive sind bereits vorhanden.
ca. 1491Sola-Busca TarotErstes vollständig erhaltenes 78-Karten-Tarot; vor allem wichtig, weil auch die Zahlenkarten szenisch illustriert sind. Einige Motive beeinflussten später Pamela Colman Smith.
ca. 1650Tarot de ParisFrühes vollständig erhaltenes französisches Tarot; wichtiger Schritt zur später standardisierten französischen Bildtradition.
1650er–1700erJean Noblet / Jean Dodal / Nicolas ConverAus diesen Decks kristallisiert sich das heraus, was wir heute als Tarot de Marseille bezeichnen. Conver (1760) wird besonders prägend für spätere Rekonstruktionen.
1789Etteilla / Grand EtteillaEines der ersten ausdrücklich für Divination und Okkultismus konzipierten Tarots. Etteilla systematisiert Kartenbedeutungen, Umkehrungen, Astrologie und Elemente.
1889Oswald Wirth TarotVerbindet Tarot systematisch mit französischem Okkultismus, Kabbala und Éliphas Lévi. Wichtiges Bindeglied zwischen Marseille-Tradition und Golden-Dawn-Tarot.
1909Rider–Waite–Smith TarotDer große Wendepunkt. Arthur Edward Waite + Pamela Colman Smith: alle 78 Karten werden bildlich erzählt, einschließlich der kleinen Arkana. Grundlage eines riesigen Teils heutiger Tarotdecks.
1910er/1920erGolden Dawn Tarot-TraditionKein einzelnes historisches Massendeck, aber enorm wichtig: systematische Zuordnung von Tarot zu Kabbala, Astrologie, Elementen und hermetischer Magie. Grundlage sowohl für Waite als auch Crowley.
1944Thoth Tarot – Aleister Crowley / Frieda HarrisZweiter großer moderner Tarotpol neben RWS. Komplexe Verbindung von Thelema, Astrologie, Kabbala, Alchemie und abstrakter Symbolik. Die kleinen Arkana bekommen Titel wie „Interference“, „Debauch“, „Virtue“ usw.
1969Aquarian Tarot – David PalladiniEiner der frühen großen modernen Designer-Tarots. Zeigt, dass man die RWS-Struktur beibehalten, aber eine völlig neue visuelle Sprache entwickeln kann.
1971Morgan-Greer TarotPrägt die heute sehr verbreitete Idee des nahen, psychologisch-emotionalen Tarotbildes: Figuren groß im Bild, starke Farben, wenig Hintergrund.
1977Motherpeace TarotRadikaler Bruch mit Form und Perspektive: runde Karten, feministische und matrifokale Interpretation. Prägend für alternative und politische Tarottraditionen.
1986Mythic TarotVerknüpft jede Karte systematisch mit griechischer Mythologie. Sehr einflussreich für Tarot als psychologisches und narrativ-mythisches System.
1986Tarot of the Cat People / ähnliche US-Fantasy-DecksTeil der Entwicklung, Tarot konsequent als Worldbuilding- und Themenmedium zu behandeln — ein Vorläufer der heutigen Flut an Genre-Decks.
1995Haindl TarotVerbindet westlichen Okkultismus mit I Ging, Runen und verschiedenen religiösen Traditionen. Wichtig für die stärker synkretistische New-Age-Tarotwelt.
1998Sacred Circle TarotBeispiel für die zunehmende Integration keltischer, paganer und naturspiritueller Symbolik in ein modernes Tarot-System.
2000erDruidCraft Tarot, Wild Unknown u. a.Übergang von klassischem Okkultismus zu Tarot als ästhetischem, intuitivem und persönlich-spirituellem Medium.
2012The Wild Unknown Tarot – Kim KransEiner der wichtigsten Wendepunkte des jüngeren Tarotbooms: reduzierte, illustrative Naturmotive, kaum menschliche Figuren, starkes Branding. Prägt die moderne Indie-Tarot-Ästhetik massiv.
2010er–heuteIndie-/Queer-/diverse TarotbewegungDecks wie Modern Witch Tarot, This Might Hurt Tarot usw. verändern vor allem die Repräsentation von Körpern, Geschlecht, Sexualität und Ethnizität, meist innerhalb der RWS-Syntax.